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Darmstädter Echo
19. November 2011 | Von Johannes Breckner Heimat der Gelassenheit
Porträt: „Büchners letzter Sommer“: Der Riedstädter Autor Ralf Schwob und seine besondere Spielart der Regionalliteratur RIEDSTADT. Das Buch
Ralf Schwob: „Büchners letzter Sommer. Ein Ried-Roman.“ Ariel-Verlag in Riedstadt, 140 Seiten, 12,80 Euro.
Bis man bei Ralf Schwob angelangt ist, hat man die meisten Schauplätze seines neuen Romans schon gesehen. Den Kreisverkehr zum Beispiel, an dem der Weg wahlweise nach Goddelau führt oder nach Wolfskehlen. Drei mächtige Steinblöcke stehen in der Mitte, und in „Büchners letzter Sommer“ werden sie das Ziel eines Anschlags mit dem Farbeimer. Sie leuchten rot, und in roter Schrift liest man auch den Satz „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.“ Büchner hat ihn geschrieben, und die Büchner-AG des Gernsheimer Gymnasiums wird zunächst verantwortlich gemacht für die Serie von Farb-Attentaten, die sich während der Sommerferien in Riedstadt ereignen. Erst ist das Goddelauer Schwimmbadwasser rot eingefärbt, später trägt auch Nepomuk rot, die Steinfigur an der Erfelder Altrheinbrücke.
Ralf Schwob erzählt die Geschichte mit Witz und mit großer Sympathie für diese Landschaft und die Menschen, die in ihr leben. Sein jüngster Roman ist eine Hommage an das Ried, an diese flache, unaufdringliche, ganz und gar unspektakuläre Gegend, in der eine besondere Form der Gelassenheit zuhause ist. Der 1966 geborene Autor ist Teil dieser Gemeinschaft. Groß-Gerau, Crumstadt, Leeheim heißen seine Lebensstationen, und wenn demnächst wieder einmal ein Umzug ansteht, heißt das Ziel erneut Groß-Gerau. Und auch die beiden großen Dichter, die man mit dem Ried verbindet, durchziehen seinen Roman – Elisabeth Langgässer mit den intensiven Landschaftserlebnissen an Altrhein und Knoblochsaue, Georg Büchner, den man als berühmten Sohn der Gemeinde gerne zitiert, ohne jedoch den revolutionären Geist seines Werkes wirklich ernstzunehmen. Der Deutschlehrer Ulrich Ruhland erzählt davon gerne in der Büchner-AG. Er ist das, was man einen engagierten Pädagogen nennt, aufgeschlossen und kumpelhaft, ganz anders als sein verbissen in sich gekehrter Kollege Arno Friedleben. Die Geschichte dieser beiden Lehrer gibt dem Roman sein Gerüst, und man merkt bald, dass der Autor die Klischees aufbricht und dass die Rollen von Engagement und Duckmäusertum keineswegs so eindeutig verteilt sind, wie es zunächst ausschaut. Das lässt sich auch an den Tonfällen hören. Denn Schwob hat seinen Roman als Mosaik auch wechselnden Perspektiven konstruiert. Er lässt Haupt- und Nebenfiguren erzählen, und so sind es sehr unterschiedliche Sprachen, aus denen die Farbigkeit der Erzählung entsteht. Das funktioniert selbst da, wo Schwob sich auf den Ton der Jugendlichen einlässt. Nichts ist peinlicher als ein Erwachsener, der Jugendsprache nachahmt. Und Schwob war durchaus skeptisch, als er die Passagen bei einer Schullesung vorstellte. Aber die Schüler attestierten ihm eine authentische Wirkung. Schwob nennt es „inselhaftes Erzählen“, das jeder Figur ihre eigene Sprache gibt. Wenn es gelingt, sagt er, akzeptiert der Leser auch die ungewöhnliche Struktur. Das bewährte sich schon in seinem ersten Roman „Geschlossene Station“, und es war für den Autor die einzige Möglichkeit, sich dem Thema psychiatrischer Erkrankungen zu nähern. Ein schwieriges Thema in schwieriger Sprache – das klingt nicht gerade nach einem Erfolgsrezept. Aber Schwob fand mit Wiesenburg einen kleinen, gleichwohl angesehenen Verlag, und die Nachfrage nach dem Buch ist bis heute so stetig, dass „Geschlossene Station“ bereits in der dritten Auflage vorliegt.
Vielleicht auch deshalb, weil der Autor die Welt genau kennt, über die er schreibt. Über zehn Jahre hat er auf einer geschlossenen Station der Klinik in Goddelau gearbeitet. Aber er wollte noch etwas anderes machen, absolvierte auf dem zweiten Bildungsweg die Abiturprüfung, studierte in Frankfurt Germanistik und Anglistik, arbeitete als Werbetexter und Korrektor. Mit seinen ersten Geschichten gewann er 1997 den Stockstädter Literaturwettbewerb zur Buchmesse im Ried, bei dem er heute in der Jury sitzt. Eine Reihe weiterer Preise kam hinzu, besonders der Literaturförderpreis der Stadt Mainz trug ihm Aufmerksamkeit ein. Und er bewarb sich um die Teilnahme an Kurt Drawerts Textwerkstatt im Darmstädter Literaturhaus: Der kritische Austausch mit anderen Autoren, hat er erfahren, ist der einzige Weg zur literarischen Qualität. Noch heute ist eine Gruppe ehemaliger Textwerkstatt-Teilnehmer das erste Publikum für Schwobs Arbeiten. Sie entstehen oft früh am Morgen, nachdem die zehnjährige Tochter aus dem Haus gegangen ist und bevor die Buchhandlung öffnet, in der Schwab die Bücher anderer Autoren verkauft und nicht selten auch ein eigenes. Mit seinem nächsten Roman wird Schwob wieder in der Region bleiben. Er spielt in Groß-Gerau und hat die frühen achtziger Jahre als Hintergrund, Ort und Zeit von Schwobs Jugend. Schreiben, weiß er, besteht nicht nur aus dem kreativen Umgang mit der Sprache. „Es ist hilfreich, wenn man schon etwas erlebt hat.“
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